// Markt & Mythen

Wird Bitcoin manipuliert? Warum dieser Vorwurf fast nur bei fallenden Kursen kommt

Immer wenn Bitcoin abstürzt, heißt es „der Kurs wird manipuliert“. Was an dem Vorwurf dran ist, warum er bei steigenden Kursen nie fällt und was das über uns verrät.

Pete mit Bitcoin-Cap steht nachdenklich mit der Hand am Kinn vor einer Betonwand, links ein wütender Mann, der auf einen fallenden roten Kerzenchart zeigt, in der Mitte eine dunkle Puppenspieler-Silhouette mit Fäden an einer orangen Bitcoin-Münze — Graffiti-Schriftzug „Bitcoin wird manipuliert! Oder?“

Kennst du das? Bitcoin rauscht nach unten, ein paar tausend Dollar innerhalb weniger Stunden, und keine zehn Minuten später ist das Netz voll mit einem einzigen Satz: „Der Kurs wird doch manipuliert!“ Genau so läuft es gerade wieder, nach dem Rücksetzer vom Mittwoch, dem 23. September, als Bitcoin von rund 87.300 Dollar auf etwa 84.400 zurückkam. Der Vorwurf ist so alt wie der Bitcoin selbst und kehrt so zuverlässig wieder wie das Amen in der Kirche. Und weil er so verlässlich auftaucht, lohnt es sich, ihn einmal in Ruhe auseinanderzunehmen. Nicht um ihn platt abzubügeln, sondern um zu verstehen, was wirklich dahintersteckt. Denn die Sache ist interessanter, als beide Lager glauben.

Fangen wir fair an, mit der Seite, die den Manipulations-Rufern recht gibt. Ja, an den Kryptomärkten wird manipuliert. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist dokumentiert. Es gibt sogenannte Wale, also einzelne Adressen oder Fonds, die so viel Bitcoin halten, dass sie mit einer einzigen großen Order den Kurs spürbar bewegen können. Gerade nachts oder am Wochenende, wenn wenig gehandelt wird und der Markt dünn ist, reicht manchmal ein einziger großer Verkauf, um eine ganze Lawine an automatischen Verkäufen und Zwangsliquidationen auszulösen. Auch abgesprochene Aktionen, gefälschte Handelsvolumen auf zwielichtigen Börsen und andere schmutzige Tricks hat es nachweislich gegeben. Wer also behauptet, an den Märkten gehe alles mit rechten Dingen zu, der lügt oder ist naiv. So weit haben die Kritiker also einen Punkt.

Aber jetzt kommt der Teil, den kaum jemand hören will, und der ist entscheidend. Achte mal genau darauf, wann dieser Vorwurf fällt. Immer dann, wenn der Kurs nach unten geht. Immer wenn Leute Geld verlieren. Und jetzt dreh es gedanklich um: Wann hast du das letzte Mal jemanden schreien hören „Der Bitcoin steigt ja nur, weil er manipuliert wird!“? Vermutlich noch nie. Steigt der Kurs, ist von Strippenziehern keine Rede mehr. Dann war es das eigene gute Näschen, die kluge Analyse, der Mut zum richtigen Zeitpunkt. Dasselbe Werkzeug, das den Kurs angeblich nach unten drückt, müsste ihn ja logischerweise auch nach oben treiben können. Aber bei Gewinnen will diese Erklärung plötzlich niemand mehr hören. Und genau diese Einseitigkeit verrät, dass hier oft nicht der kühle Analytiker spricht, sondern das gekränkte Ego.

Wie sehr dieser Blick verzerrt, zeigt schon das Beispiel von oben. Derselbe Mittwoch, an dem von Manipulation die Rede war, gehörte zu einer Woche, in der Bitcoin von rund 81.200 auf 87.300 Dollar gestiegen war — gut zehn Prozent Plus in sieben Tagen, das höchste Niveau seit acht Monaten. Der „Absturz“ war ein Rücksetzer innerhalb einer Rally. Nur hat über die zehn Prozent nach oben niemand geschrieben, dass da jemand die Fäden zieht.

Denn der Vorwurf der Manipulation erfüllt eine sehr menschliche Funktion, die mit dem Markt selbst wenig zu tun hat. Er nimmt dir die Verantwortung ab. Es ist unglaublich viel angenehmer, einen unsichtbaren, mächtigen Bösewicht für den eigenen Verlust verantwortlich zu machen, als in den Spiegel zu schauen und sich einzugestehen: Ich bin zu spät eingestiegen, weil ich der Gier nachgegeben habe. Ich hatte zu viel Hebel drin und wurde rausgespült. Ich habe auf Hoffnung gesetzt statt auf einen Plan. Das sind unbequeme Wahrheiten. „Die da oben haben mich abgezockt“ fühlt sich deutlich besser an. Deshalb ist der Manipulationsvorwurf in vielen Fällen weniger eine Analyse der Marktlage als ein Trostpflaster für die eigene, schmerzhafte Fehlentscheidung. Er heilt nicht den Geldbeutel, aber er beruhigt das Gewissen.

Und hier liegt die eigentliche Gefahr dieser bequemen Erklärung, der Grund, warum sie dir schadet, auch wenn sie sich gut anfühlt. Wer jeden Verlust auf Manipulation schiebt, der lernt nichts dazu. Er wird beim nächsten Mal wieder zu spät einsteigen, wieder zu viel riskieren, wieder auf Hoffnung setzen, denn er hat sich ja selbst eingeredet, dass er nichts falsch gemacht hat. Es waren ja die anderen. Wer dagegen den unbequemen Blick auf die eigene Entscheidung wagt, der wird mit jedem Fehler ein Stück besser, vorsichtiger, abgeklärter. Die Verantwortung bei sich zu suchen ist schmerzhafter, aber es ist der einzige Weg, aus Fehlern tatsächlich zu lernen. Die Schuld immer bei den anderen zu suchen ist bequem, aber es hält dich für immer in derselben Falle gefangen.

Was du also mitnehmen kannst, ist kein Urteil darüber, ob ein bestimmter Absturz nun manipuliert war oder nicht, das kann seriös ohnehin kaum jemand von außen beweisen. Es ist ein einfacher, ehrlicher Selbsttest für das nächste Mal, wenn dir der Manipulationsvorwurf begegnet, ob bei anderen oder in deinem eigenen Kopf. Frag dich in dem Moment ganz nüchtern: Würde ich das auch gerade sagen, wenn ich stattdessen im Plus stünde? Wenn die ehrliche Antwort nein lautet, dann hat der Vorwurf vermutlich mehr mit dem eigenen Verlust zu tun als mit den Machenschaften irgendwelcher Strippenzieher. Und dieser kleine Moment der Ehrlichkeit mit dir selbst ist an der Börse mehr wert als jede Verschwörungstheorie über die da oben.

Dieselbe Mechanik funktioniert übrigens auch andersherum, bei den ganz großen Schlagzeilen: Wer verdient eigentlich daran, dass du in Panik gerätst?

// Freitagmorgen

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