// Markt & Mythen

Die KI-Blase platzt! Wer verdient eigentlich an dieser Schlagzeile?

Hohe Bewertungen, rote Zahlen, Weltuntergangs-Überschriften. Was an den Warnungen dran ist, was nicht — und warum die beruhigende Version genauso verkauft wird wie die Angst.

Pete mit Bitcoin-Cap steht nachdenklich mit der Hand am Kinn vor einer Betonwand, links entsetzte Menschen vor Zeitungen mit Schlagzeilen wie „AI CRASH!“ und roten Abwärtspfeilen, rechts feiernde Anzugträger mit Geldstapeln vor einem steigenden Kurs — Graffiti-Schriftzug „Die KI-Blase platzt! – Wer verdient daran?“

„Die KI-Blase platzt!“ Diese Schlagzeile ist dir in den letzten Monaten vermutlich ein Dutzend Mal begegnet, mit immer größeren Zahlen und immer kürzeren Fristen. Und direkt daneben, oft auf derselben Seite, steht die Gegenschlagzeile: Der KI-Boom laufe gerade erst an, wer jetzt nicht dabei sei, verpasse das Jahrzehnt. Zwei Gewissheiten, die sich gegenseitig ausschließen, und beide werden dir mit derselben Inbrunst verkauft.

Schauen wir uns die Argumente der Warner also nüchtern an, denn sie sind nicht komplett aus der Luft gegriffen. Erstens: Die Bewertungen einiger KI-Unternehmen sind in der Tat schwindelerregend hoch. Eine Aktie wie Nvidia hat sich in wenigen Jahren vervielfacht, und manche Kennzahlen erinnern tatsächlich an die Zeit der Dotcom-Blase um das Jahr 2000. Zweitens: Viele dieser Firmen geben derzeit weit mehr Geld aus, als sie einnehmen. Es fließen gigantische Summen in Rechenzentren und Technik, während die Gewinne noch bescheiden ausfallen. Das klingt erstmal beunruhigend, keine Frage. Aber genau hier beginnt der Denkfehler, den die meisten reißerischen Berichte machen.

Denn beides, hohe Bewertungen und rote Zahlen, ist für sich genommen noch lange kein Beweis für eine Blase. Es ist bei fast jeder jungen, revolutionären Basistechnologie so gewesen. Nehmen wir Amazon. Der Konzern schrieb über viele Jahre hinweg tiefrote Zahlen und wurde von zahllosen klugen Analysten als hoffnungslos überbewertet abgestempelt. Wer damals auf diese Warner gehört und Amazon als Blase abgetan hätte, hätte eine der größten Erfolgsgeschichten der Wirtschaftsgeschichte verpasst. Das Internet selbst galt in seinen Anfangstagen vielen als überschätzter Hype. Eine neue Technologie, die erst einmal viel Geld verbrennt, um Marktanteile und Infrastruktur aufzubauen, bevor die Gewinne kommen, ist eben nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Geld in der Aufbauphase zu verbrennen ist ein normaler Teil des Spiels, kein Alarmsignal an sich.

Und dann ist da noch ein zweiter Punkt, der in den Weltuntergangs-Schlagzeilen fast immer unter den Tisch fällt: Wer bezahlt das eigentlich alles? Ein Teil ist tatsächlich Risikokapital, von Fonds, die den Totalverlust einzelner Wetten bewusst einkalkulieren, denn genau dafür ist Risikokapital da. Der weitaus größere Brocken aber steht in den Bilanzen von vier börsennotierten Konzernen: Amazon, Google, Meta und Microsoft stecken in diesem Jahr zusammen eine Summe in der Größenordnung von 630 Milliarden Dollar in Rechenzentren und Technik. Das ist überwiegend Geld, das diese Firmen in ihrem eigentlichen Geschäft verdienen. Und genau darin liegt der Unterschied zu 2000: Damals verbrannten Firmen ohne nennenswerten Umsatz das Geld anderer Leute. Heute verbrennen Firmen mit gewaltigen Gewinnen ihr eigenes. Wenn die Wetten nicht aufgehen, können sie den Hahn zudrehen, ohne umzufallen.

Ehrlich wird die Sache aber erst mit der anderen Hälfte, und die steht in den beruhigenden Texten genauso selten. Diese Konzerne sind ja nicht irgendwer. Sie sind die größten Positionen in praktisch jedem gängigen Welt-Aktienindex. Nvidia, Apple und Microsoft allein machen zusammen rund ein Siebtel des MSCI World aus, die zehn größten Positionen gut ein Viertel. Wer einen Welt-ETF bespart, und das sind in Deutschland Millionen, ist also sehr wohl dabei — nicht als Zocker, sondern ganz nebenbei. „Das hat mit deinem Ersparten nichts zu tun“ stimmt deshalb fürs Sparbuch. Für den Sparplan stimmt es nicht. Wer das verschweigt, beruhigt dich genauso interessiert, wie dich andere erschrecken.

Damit sind wir beim Kern der ganzen Angelegenheit, und der ist entwaffnend einfach. Die ehrliche Wahrheit, die du in keiner reißerischen Prognose finden wirst, lautet: Niemand weiß mit Sicherheit, ob und wann hier etwas platzt oder korrigiert. Niemand. Weder die Untergangspropheten noch die ewigen Optimisten. Und genau deshalb solltest du bei beiden Sorten von Lautsprechern hellhörig werden. Wer dir mit großer Gewissheit verkündet, die Blase platze garantiert und bald, der verkauft dir Angst. Und wer dir ebenso vollmundig verspricht, es gehe immer weiter steil nach oben, der verkauft dir Gier. Beide haben eines gemeinsam: Sie profitieren von deiner Aufmerksamkeit, von deinen Klicks, von deiner Reaktion. Und nichts erzeugt zuverlässiger Klicks als eine gewaltige, angsteinflößende Zahl und die Drohung vom nahen Untergang.

Was du daraus mitnehmen kannst, ist keine Vorhersage, sondern eine Haltung, die dich vor sehr viel unnötiger Panik und sehr vielen schlechten Entscheidungen bewahrt. Wenn dir das nächste Mal eine dramatische Schlagzeile über die platzende KI-Blase oder den garantierten KI-Boom begegnet, dann friere kurz ein und stell dir zwei simple Fragen. Erstens: Beweist das, was hier steht, wirklich, was die Überschrift behauptet, oder werden hier normale Vorgänge zu einer Sensation aufgeblasen? Und zweitens, die wichtigste Frage von allen: Wer erzählt mir das hier gerade, und was genau hat diese Person davon, dass ich es glaube und teile? Sobald du gelernt hast, jede laute Gewissheit mit dieser einen Frage zu prüfen, verlieren die Schlagzeilen ihre Macht über dein Bauchgefühl. Und du triffst deine Entscheidungen wieder selbst, nüchtern und in Ruhe, statt sie dir von der lautesten Stimme im Raum diktieren zu lassen.

Wie schnell sich so eine Erzählung dreht, ohne dass sich an der Sache selbst irgendetwas ändert, lässt sich übrigens an einem einzigen Unternehmen durchspielen: 13 Milliarden Minus, dann 1,4 Milliarden Plus.

// Freitagmorgen

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