Du gehst arbeiten, legst was zur Seite, machst eigentlich alles richtig. Und trotzdem reicht dein Geld jedes Jahr ein Stück weniger weit. Das hat einen Namen, den kaum einer kennt: der Cantillon-Effekt. Dahinter steckt eine einzige Frage — wer bekommt das neue Geld zuerst?
Fangen wir ehrlich an. Hinter dem Effekt steckt kein geheimer Plan und kein Hinterzimmer. Beschrieben hat ihn der Bankier Richard Cantillon schon um 1730, gedruckt wurde sein Buch erst 1755. Seine Beobachtung: Neues Geld landet nicht bei allen gleichzeitig. Es sickert durch die Wirtschaft, und wer nah an der Quelle sitzt, gibt es zuerst aus.
Jetzt kommt der Teil, der fast immer weggelassen wird. Das meiste neue Geld kommt gar nicht aus einer Druckerpresse. Es entsteht, wenn Banken Kredite vergeben — als Buchung auf einem Konto. Das schreibt sogar die Bundesbank so. Mehr dazu, wie Geld wirklich entsteht. Die Zentralbank versorgt diese Banken und hat in den Krisen im großen Stil Anleihen gekauft. Die Bilanz des Eurosystems lag Ende 2007 bei rund 1,5 Billionen Euro. Im Juni 2022 waren es fast 8,8 Billionen Euro, davon knapp 5 Billionen Euro an Wertpapieren aus der Geldpolitik.
Schau dir an, wer vorne in der Schlange steht. Banken, die das frische Geld als Erste halten. Staaten, deren Anleihen gekauft werden. Und wer schon Vermögen hat, kriegt leichter billigen Kredit, weil er Sicherheiten mitbringt. Diese Leute kaufen Aktien, Häuser, Firmen — zu Preisen, die vom neuen Geld noch nichts wissen.
Und du? Du stehst hinten. Bei deinem Lohn, deiner Rente, deinem Sparbuch kommt das neue Geld zuletzt an, wenn überhaupt. Bis dahin sind die Preise längst gestiegen. Du zahlst die neuen Preise mit dem alten Gehalt. Gleiches Geld, komplett andere Startlinie.
Fairerweise gehört das hier auch rein: Die EZB hat ihre Anleihekäufe selbst untersucht. Ihre Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Einkommensungleichheit leicht gesunken ist, weil auch Geringverdiener eher Arbeit fanden. Das ist ein echtes Argument. An der Reihenfolge ändert es nur nichts. Ein Job bringt dir Lohn. Er bringt dich in der Schlange keinen Platz nach vorne.
Inflation ist eben mehr als „alles wird teurer“. Sie ist eine stille Umverteilung von hinten nach vorne. Solange Geld per Knopfdruck entstehen kann, gibt es immer welche, die zuerst drankommen. Bleibt die Frage: Wo in der Schlange stehst du — und willst du da stehen bleiben?
Wer sich den Satz merken will, findet ihn auf Karte 18: „Pete der Detektiv — frisches Geld kommt nie bei dir zuerst an“.